Legasthenie Diagnose und Testverfahren

Eine Legasthenie ist keine einfache Knochenfraktur, die auf der Röntgenaufnahme sichtbar wird. Der Schweregrad kann sehr unterschiedlich sein. Ist die Schwäche nicht sehr ausgeprägt, kann es sein, dass es sehr lange dauert, bis eine Legasthenie vermutet wird.
Eine sehr verspätete Reaktion kann für ein Kind negative Folgen haben. Es fühlt sich entsprechend lange als Leistungsversager und das Selbstwertgefühl leidet stark darunter.
Sekundäre Erscheinungen einer Leistungsüberforderung kann z.B. aggressives, unruhiges ebenso wie still zurückgezogenes Verhalten sein. Kinder können Ängste und Zweifel gegen sich aufbauen, kurz um: Je eher gefördert wird, desto besser für die Kinderseele.

Bevor ich auf die Auffälligkeiten und Testaussagen näher eingehe, möchte ich Ihnen anraten, eine Förderung nicht von einem Testergebnis abhängig zu machen. Wenn sich Lernschwierigkeiten zeigen, dann ist der Zeitpunkt zur Förderung da. Je eher Sie Ihr Kind unterstützen, umso besser kann es seine Lernschwierigkeiten überwinden. Eine Legasthenie wird sich niemals auflösen, die Kinder können lediglich lernen, mit gezielten Lerntechniken ihre Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen.

Abgesehen von den offiziellen Tests gibt es einige Indizien, die auf eine Legasthenie hindeuten können. Die Erscheinungsbilder treten bei allen Kindern auf, bei legasthenen Kindern sind sie allerdings sehr hartnäckig, dominant und anhaltend. Ich möchte nur einige Auffälligkeiten aufzählen, da ich Sie nicht verunsichern möchte:

Vor dem Schuleintritt:

• In vielen Fällen liegen akustische und/oder optische Schwächen vor
• Das Kind lernt scheinbar langsamer
• Der Sprachbeginn war verzögert
• Das Kind hatte häufig Mittelohrentzündungen
• Es zeigt sich ungeschickt beim Anziehen der Kleidung
• Sie bemerken Unsicherheiten beim Nachklopfen von Rhythmen und Nachsingen von Liedern
• Es zeigt Schwächen beim Auswendiglernen
• Die motorische Entwicklung ist verlangsamt, das Kind macht einen ungeschickten Eindruck
• Es zeigt deutlich Schwächen beim Schreiben oder Zeichnen
• Die Stifthaltung ist verkrampft
• Es zeigt wenig Ausdauer bei Geduldsspielen und beim Lernen
• Konzentrationsschwierigkeiten sind erkennbar
• Die Aussprache ist undeutlich
• Es besteht eine hohe Empfindlichkeit gegenüber Lärm
• Fragen werden häufig missverstanden
• Bei hohem Geräuschpegel zeigt es sich leicht ablenkbar
• Die Geräuschquelle kann nicht oder nur schwer lokalisiert werden
• Das Kind reagiert im Kindergarten unruhig, aggressiv oder mit Rückzug
• Sie bemerken ein häufiges Hinfallen beim Laufen
• Die Krabbelphase wurde ausgelassen, es ist nur gerobbt
• Es gibt betroffene Verwandte, Geschwister, Eltern, etc.

Nach Schuleintritt:

• Es erscheint chaotisch und desorientiert
• Die Konzentration hält nicht lange an
• Die Wortwahl ist eingeschränkt
• Das Kind hat eine schwache Körperspannkraft sowie Körperkoordination
• Es zeigen sich Probleme beim Schreiben, Lesen oder Rechnen
• Es wird häufig nachgefragt und vieles schwer verstanden
• Das Kind reagiert auffällig, wenn sehr viele Menschen zusammentreffen, z.B. bei einer Versammlung in einer Halle
• Es stolpert häufig über unsichtbare Hindernisse
• Das Kind zeigt sich ungeschickt und tollpatschig
• Das Binden einer Schleife wurde erst spät gelernt
• Es zeigt sich beim Klettern eher ungeschickt
• Das Kind fällt im Zusammenspiel mit anderen Kindern durch Grobheiten auf.
• Es fühlt sich oft zu Unrecht beschuldigt, da diese Grobheiten nicht vorsätzlich verübt wurden.
• Sie bemerken eine Berührungsempfindlichkeit bei Ihrem Kind
• Es verwechselt ähnlich klingende Laute – i/e – und auch ähnlich aussehende Buchstaben – b/d – m/n – f/t

Die aufgeführten Indizien sind aus den unterschiedlichen Wahrnehmungsbereichen, sie können, müssen aber nicht gemeinsam auftreten. Ebenso können Sie in extrem unterschiedlicher Gewichtung ausgeprägt sein.

Das Hören, Erkennen und Erinnern von Wörtern verbraucht enorm viel Konzentration und Zeit und führt zu unterschiedlichsten Reaktionen, z.B.: Resignation, Aggression, Übereifer, aus Angst zu versagen, etc. Oftmals schaffen Kinder die Aufgaben nicht in der vorgegebenen Zeit. Eventuell bekommen Sie deshalb eine schlechte Benotung.

Wenn Sie merken, Ihr Kind ist mit der Aufgabenmenge massiv überfordert, suchen Sie das Gespräch mit der Lehrkraft. Versuchen mit Ihr ein Konzept zu finden, damit Ihr Kind nicht der dauernden Überforderung ausgesetzt ist. Sie können sich beispielsweise auf eine maximale Hausaufgabenzeit einigen, in der Schule könnte es Teilaufgaben bekommen.
Ziel sollte erst einmal Qualität statt Quantität sein. Überprüfen Sie gemeinsam den Sitzplatz, eventuell ist es vorteilhaft, Ihr Kind in die erste Reihe zu setzen. Stärken Sie Ihr Kind, sich die Aufgabenstellung bei Unklarheit von der Lehrerin erklären zu lassen.

Zwei Gründe für die Testung auf Legasthenie.

A – Sie könnten eine Notenbefreiung der Rechtschreibleistung erreichen. Dadurch nehmen Sie Ihrem Kind den Druck und die Angst.

B – Bei einer formell festgestellten Legasthenie sollten Sie sich für ein spezielles Legasthenietraining entscheiden. Dadurch helfen Sie Ihrem Kind, da hier gezielt Lernmethodik und Wahrnehmungstraining eingesetzt wird. Wenn möglich sollte die Förderung im Einzeltraining erfolgen.

Warum ist Punkt B so wichtig? Hat ein Kind Lernprobleme, einfach aufgrund einer schwacher Begabung, kann es durch das schlichte Wiederholen lernen: Die Korrektur eines felherhaftes Wort wird dreimal richtig geschrieben, das Karteikastensystem bietet sich hier an.Es wiederholt so oft, bis es das Wort richtig schreibt und es sich eingeprägt hat. Lernen und Fördern durch Wiederholung ist in vielen Nachhilfeeinrichtungen die angewandte Strategie. Ein Legastheniker kann es zehnmal schreiben und schreibt es beim Elftenmal wieder falsch. Sein Problem liegt nicht im Verstehen und Merken, sondern in der Umsetzung. Er würde im Förderunterricht dieser Form wahrscheinlich noch frustrierter werden und es wirkt sich zusätzlich negativ aus.

In Grenzfällen der Diagnose sollten Sie sich also immer für ein gezieltes Legasthenietraining entscheiden, denn es schadet einem lernschwachen Kind nie. Andersherum, übt ein Legastheniker in oben beschriebener Weise mittels Wiederholung, wird er dadurch Nachteile erfahren. Seine Problematik ist im Transfer von Aufnahme und Wiedergabe der Informationen zu finden. Nicht in dem klassischen Verständnis der Lehrinhalte.
Es macht wenig Sinn, verzweifelt Lernwörter zu wiederholen, die Ursachen und die allgemeinen Fähigkeiten müssen bearbeitet werden. Kinder, die chaotisch sind, brauchen Strukturvorgaben, Kinder die Angst haben, müssen erst einmal Vertrauen und Mut finden. Das Kind soll bestimmte Lerntechniken vermittelt bekommen und diese bei der täglichen Bewältigung der Schulaufgaben anwenden.
Hierzu ist oftmals die Unterstützung im Elternhaus erforderlich.

Ganz kurz möchte ich auf die Grundlagen der unterschiedlichen Fördermaßnahmen eingehen.
Eine Förderung in Form von Förderstunden in Gruppen entspricht der herkömmlichen Lernmethode. Hier werden die erbrachten Leistungen einfach nach leicht, mittel und schwere LRS aufgeteilt und entsprechende Fördergruppen gebildet. In der Regel wird hier nicht auf den jeweiligen Lernvoraussetzungen des einzelnen Kindes aufgebaut. Meistens werden fertige Schreiblernprogramme und Arbeitsbögen eingesetzt.

Beim prozess- bzw. situationsorientiertem Ansatz der modernen Förderdiagnostik wird das Kind als Individuum, in diesem Sinne also auch der Lernprozess und die Umweltfaktoren des Kindes berücksichtigt. Also Familie, Schulsituation, mögliche Konfliktsituationen, Einfluss der Familie und Freunde, welche Stärken hat das Kind, wie können diese optimal genutzt werden. Es ist in jedem Fall ein langwieriger Prozess, der kontinuierlich durchgeführt werden muss. Lernsysteme und Arbeitmethoden werden vermittelt. Die Wahrnehmungsschwächen gefördert, die Stärken des Kindes weiter ausgebaut und genutzt.

Wer kann testen?

In der vierten Klasse finden Tests in der Schule statt. Entweder werden die Kinder zur Testung von seitens der Schulleitung vorgeschlagen oder auf Antrag der Eltern getestet.
Dieser Test findet in einer Gruppe statt.

Sie können Ihr Kind aber auch schon früher von einem Diplompsychologen oder Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie testen lassen. In diesem Fall erhalten Sie auch eine nähere Erläuterung zu dem Test und der Testauswertung. Dieser Test ist in der Regel kein Gruppentest. Viele Schulen bestehen allerdings darauf, dass sie nur die Auswertung der schuleigenen Tests akzeptieren.
Dazu möchte ich an dieser Stelle nur leise mit dem Kopf schütteln und mir schweren Herzens weiteren Kommentar sparen.

Ein offizieller Legasthenietest wird immer im Zusammenhang mit einem Intelligenztest durchgeführt. Warum?

Lt. Legasthenieerlass (SH) liegt eine Legasthenie dann vor, wenn bei mindestens durchschnittlicher Intelligenz erhebliche Ausfälle im Lesen und/oder in der Rechtschreibung auftreten; d.h.: in der Regel werden neben dem partiellen Versagen im Lesen und/oder in der Rechtschreibung überwiegend befriedigende Leistungen in den Hauptfächern erzielt.

Mit anderen Worten, die Lese- und/oder Rechtschreibleistung liegt deutlich unter den der Intelligenz entsprechenden zu erwartenden Leistungen. Und nur wenn die Tests diese Diskrepanz zwischen Intelligenz und Lese- und/oder Rechtschreibleistung deutlich macht, wird eine Legasthenie anerkannt. Schade, für die dyslektischen Kinder, welche zu dem auch mit Intelligenz nicht so überschüttet wurden. Diese werden nicht an-erkannt und leider häufig nicht entsprechend gefördert. Schlimmstenfalls werden sie etikettiert und man traut ihnen von nun an gar nichts mehr zu.

Gehen Sie also mit Bedacht die Auswertungen solcher Tests an. Ein Test ist nur ein Test, er kann an verschiedenen Tagen unterschiedlich ausfallen. Überlegen Sie sich, wie Sie sich mit Ihrem Kind darüber auseinandersetzen, was Sie ihm sagen.

Weitere Diagnostik

Lassen Sie Ihr Kind auch noch von einem Augenarzt überprüfen.
Wird eine Fehlsichtigkeit festgestellt, können sich über diese Regulierung schon Lernprobleme erklären und beheben.

Es empfiehlt sich eine Untersuchung der Hörfähigkeit. Hier gibt es aber zwei Unterschiede:
A – Schwerhörigkeit, kann Ihr Kind seine eigene und von anderen gesprochene Sprache verstehen.
B – Liegt eine Fehlhörigkeit vor? Schallreize werden zwar wahrgenommen, aber fehlerhaft verarbeitet. Diese Untersuchung wird nur von einem Facharzt für Phoniatrie und Pädaudiologie vorgenommen.
Diese Störung erklärt häufig, warum Kinder ähnlich klingende Laute nicht auseinanderhalten können.
Man spricht dann von einer auditiven Wahrnehmungsstörung.